Quelle: Neumann/Bundeswehr 2018
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„Thank you for your service“
Eine INVICTUS-Story

Wie die Invictus Games selbst, fangen die Geschichten vieler Invictus Teilnehmer:innen in Afghanistan an. Eine davon erzählen wir hier.

Der 11. September 2001 – Bilder, die wir alle nicht vergessen werden und weltweite Auswirkungen, die bis heute anhalten. Noch im gleichen Jahr entsandte der Deutsche Bundestag die ersten Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach Afghanistan. Es begann der bisher intensivste Einsatz in der Geschichte bundesdeutscher Streitkräfte. Rund 93.000 Soldatinnen und Soldaten kamen am Hindukusch zum Einsatz, viele mehrfach. 59 deutsche Soldaten ließen dort ihr Leben, 35 von ihnen fielen im Gefecht oder bei Anschlägen. Andere kehrten verwundet an Leib und Seele zurück. Einer von ihnen: Brigadegeneral Michael Bartscher. Ein ganz persönlicher Einblick.

Brigadegeneral Bartscher ist mit Leidenschaft Soldat. Seit 1976 trägt er die Uniform der Luftwaffe und kann auf eine Vielzahl an abwechslungsreichen Tätigkeiten zurückblicken. Mit seinem Dienstgrad gehört er zu den Spitzenkräften der Bundeswehr, etwas über 200 Soldatinnen und Soldaten gehören zur Gruppe der Generale und Admirale.

Im Juli 2014 kam Bartscher zu seinem bereits zweiten Einsatz in Afghanistan an. Er war als Militärberater im afghanischen Generalstab tätig und arbeitete eng mit dessen Generalstabschef und seinen beiden Stellvertretern zusammen. Während eines Beratungsgespräches mit Angehörigen von Militär und Verwaltung zusammen mit Führungskräften der ISAF-Mission (Key Leader Engagements) kam es am 5. August 2014 zu einem folgenschweren Anschlag. Ein Angehöriger der afghanischen Armee feuerte mit einem Schnellfeuergewehr auf die Beratergruppe der ISAF-Mission. Ein US-General fiel bei diesem Anschlag, 14 weitere Soldaten wurden verwundet, unter ihnen Michael Bartscher.

Quelle: Kraatz/Bundeswehr 2021
Evakuierung von Verwundeten (Symbolbild)

Quelle: Kraatz/Bundeswehr 2021

Noch im deutschen Feldlager Mazar-I-Sharif wurde Brigadegeneral Bartscher mehrfach operiert, bevor er zur Rehabilitation nach Deutschland ausgeflogen wurde. Nur vier Wochen später kehrte er am 5. September 2014 zurück nach Afghanistan, um seine Aufgabe dort fortzusetzen.

Mit dem Wechsel von ISAF zu Resolute Support blieb Brigadegeneral Bartscher weiter in Afghanistan – länger als ursprünglich geplant. Ab Januar 2015 war er für die Personalgewinnung und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte verantwortlich. Doch auch in seiner neuen Funktion traf ihn das Schicksal schwer: „Kurz vor Ende meines Einsatzes hatte ich einen zweiten Vorfall, der mir innerhalb einer recht kurzen Zeit eine weitere Einsatzschädigung einbrachte. Wieder daheim hatte ich dann einen Motorradunfall, dessen Ursache wahrscheinlich meine beiden Einsatzschädigungen in Afghanistan gewesen sind.“, so Bartscher im Gespräch.

Drei Schicksalsschläge innerhalb von 13 Monaten, komplexe einsatzbedingte Gesundheitsschäden und ein sechsmonatiger stationärer Rehabilitationsaufenthalt nach dem Motorradunfall – für die Bundeswehr war die Sachlage klar. Brigadegeneral Bartscher kam 2017 im Rahmen des Einsatzweiterverwendungsgesetzes in die Schutzzeit für Einsatzgeschädigte.

„Durch die Aufnahme in die Schutzzeit war für mich eine umfangreiche Rehabilitation sichergestellt. Dabei bekam ich die Chance, am Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr im westfälischen Warendorf und der ebenfalls dort befindlichen Sportschule der Bundeswehr an ergänzenden medizinischen und nichtmedizinischen Rehabilitationsmaßnahmen teilzunehmen. Durch die exzellente physiotherapeutische und orthopädische Behandlung konnten meine körperlichen Beeinträchtigungen verbessert werden.“ Zudem wurde der körperliche Leistungsstand des ehemaligen Marathonläufers deutlich gestärkt.

Quelle: Wilke/Bundeswehr 2019
Sporttherapie in Warendorf (Symbolbild)

Quelle: Wilke/Bundeswehr 2019

Nach der Reha kam Brigadegeneral Bartscher auf den Lehrgang „Sporttherapie und spezielle Sporttherapie nach Einsatzschädigung“. Ziel dieses Lehrgangs an der Sportschule der Bundeswehr ist die dienstliche Wiedereingliederung von Einsatzgeschädigten. Hierbei handelt es sich um eine sportliche Reaktivierung langzeiterkrankter Soldatinnen und Soldaten. Der Lehrgang stellt eine wesentliche Unterstützungsmaßnahme zur medizinischen Rehabilitation dar. Die körperliche Leistungsfähigkeit wird schrittweise gestärkt, sodass auch die Teilnahme an sogenannten „Sportsonderveranstaltungen“ als Teil der Therapie realisiert werden kann.

Quelle: Bartscher/privat 2018
Das deutsche Team in Sydney

Quelle: Bartscher/privat 2018

„Ich erhielt die Chance, an der internationalen Sportveranstaltung für einsatzgeschädigte Soldaten, den Invictus Games in Sydney, teilzunehmen. Anders als bei anderen Nationen wird das jeweilige deutsche Team jedoch nicht aufgrund der besonderen sportlichen Leistungsfähigkeit des Einzelnen zusammengestellt, sondern mit Blick auf den zu erwartenden therapeutischen Erfolg. Das bedeutet auch, dass die Auswahl der Sportarten, mit denen man an den Spielen teilnimmt, in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr erfolgt.“, so Michael Bartscher über die Zusammenstellung des Team Germany.

Bartscher selbst erhielt aufgrund seiner unverändert existierenden Einschränkungen die medizinisch-therapeutische Freigabe für die Disziplinen Schwimmen, Liegerad (Recumbent Bike) und Bogenschießen. „Gerade das Bogenschießen stellte mich vor eine besondere Aufgabe, musste ich diese für mich neue Sportart doch vollständig neu lernen. Bogenschießen an sich ist ein technisch komplexer Vorgang, der eine permanente muskuläre Anspannung und gleichzeitig eine hohe Konzentration auf einen vielschichtigen Bewegungsablauf erfordert.“, erinnert sich der General. Nach einer intensiven Trainingsphase erfolgte seine Teilnahme an den Invictus Games 2018 in Sydney mit dem Team Deutschland.

Quelle: Dondorf/Bundeswehr 2018
Wettkämpfer beim Bogenschießen

Quelle: Dondorf/Bundeswehr 2018

Dabei reist ein Team nicht allein zu den Spielen. Vielmehr werden hier – wie auch in den vorangehenden Therapiemaßnahmen – Familienangehörige und Freunde der Wettkämpferinnen und Wettkämpfer stark integriert. So bildet sich schon nach kurzer Zeit eine große „Invictus-Familie“. Die Rolle dieser „Familiy and Friends“ für die Teammitglieder sollte nicht unterschätzt werden. Die Möglichkeit, den erkrankten Partner zu begleiten, ist auch eine Anerkennung für die Arbeit, die in den Familien während des Einsatzes und im Zuge der Rehabilitation geleistet wird. Denn Abwesenheiten während des Einsatzes als auch die Folgen der Einsatzschädigungen haben selbstverständlich auch Einfluss auf die individuellen Familiensituationen.

Bartscher berichtet begeistert über Sydney: „Die gesamte Kulisse war sehr beeindruckend. Eine große Eröffnungsfeier vor dem Opernhaus in Sydney brachte alle Teams erstmals zusammen. Eröffnet wurden die Spiele in Australien durch den Schirmherren der Invictus Games Foundation, Harry, dem Duke of Sussex. Bereits im Vorfeld kam es zu Kontakten zu Kameradinnen und Kameraden aus den anderen Nationen, mit denen wir im Einsatz in Afghanistan gemeinsam unseren Dienst ausgeübt hatten. Eine besondere Situation war der Kontakt zur afghanischen Mannschaft, die wie alle Teil dieser großen Familie sind.“

Quelle: Bransmöller/Bundeswehr 2018
Die Eröffnungsfeier in Sydney

Quelle: Bransmöller/Bundeswehr 2018

Zu diesem außergewöhnlichen Ereignis trug auch australische Bevölkerung durch ihre durchweg positiven Reaktionen bei. Regelmäßig wurde das Gespräch mit den Wettkämpfern gesucht und diesen Wertschätzung entgegengebracht. „Thank you for your service – ein Dank, der uns Sportlern häufig entgegengerufen wurde und uns das Gefühl vermittelte, das nicht alles umsonst gewesen ist.“, erinnert sich Brigadegeneral Bartscher an die Aufnahme in „Down Under“.
Bei den Invictus Games zählt nicht die Anzahl der Medaillen, Rekorde oder Erfolge die „man einfährt“. Es ist der olympische Gedanke dabei gewesen zu sein, der für die Wettkämpfer bestimmend ist, auch wenn persönliche Ziele vielleicht nicht erreicht werden. Ergänzt wird dieser durch die gelebte unterstützende Kameradschaft über alle Dienstgrade hinweg – quasi eine Gruppentherapie unter Seinesgleichen – aber mit Publikum und lautstarker Kulisse.

Quelle: Bangert/Bundeswehr 2018
M. Bartscher auf dem Liegerad / Recumbent Bike

Quelle: Bangert/Bundeswehr 2018

„Die Invictus Games zeigen, dass man nach einer Verwundung trotz vieler administrativer Hürden nicht ganz allein ist und man eine Perspektive auf eine bessere Zukunft erhält. Die Teilnahme als Team an dieser oder anderen Sportsonderveranstaltungen ist eine besondere Wertschätzung, aber auch ein Gradmesser für die eigene Leistungsfähigkeit. Hierdurch haben diese Veranstaltungen für uns teilnehmenden Einsatzgeschädigten eine herausragende Bedeutung.“, lobt Bartscher den deutschen Therapieansatz.

Brigadegeneral Michael Bartscher konnte in 2019 an einer weiteren Sportsonderveranstaltung mit dem Recumbent Bike teilnehmen. Ein Team einsatzgeschädigter Radfahrer und Betreuer der Gruppe Sporttherapie aus Warendorf nahmen an der Radveranstaltung “Project Hero – Ride to Recovery“ in den USA teil. Dabei galt es die über 700 Kilometer lange Strecke von Santa Cruz bis nach Los Angeles in sieben Tagen zu bewältigen. Auf dem Highway No. 1 führte der „Ride“ durch viele Orte der USA und zeichnete sich durch ein herausforderndes Streckenprofil aus.

Quelle: Sydney E. Ray 2018
Project Hero – Ride to Recovery, California Costal Challenge

Quelle: Sydney E. Ray 2018

„Streitkräfte gleich welcher Nationalität genießen in den USA ein sehr hohes Ansehen. In vielen Städten wurde uns ein sehr herzliches Willkommen entgegengebracht, überall wehten die amerikanischen Flaggen. Insbesondere wenn wir an einer Schule Halt gemacht haben, zeigten sich Freude und Dankbarkeit der Schülerinnen und Schüler. Die Resonanz in den USA und auch bei den Invictus Games zeigte uns deutschen Teilnehmern, dass die Integration von Streitkräften in die Gesellschaft in anderen Nationen besser gelungen ist.“, so Bartscher. Hier sehe er noch große Unterschiede zur Wahrnehmung und zum Zuspruch in Deutschland. Daher sei die Entscheidung, die Invictus Games 2023 erstmals in Deutschland stattfinden zu lassen, richtig.
Quelle: Privat 2018
M. Bartscher (re.) im Gespräch mit einem afghanischen Athleten

Quelle: Privat 2018

„Gleichwohl ist bis zum Beginn der Spiele der Einsatzgeschädigten in Düsseldorf noch ein weiter Weg zur Akzeptanz von militärischen Einsätzen der Bundeswehr im Ausland mit der Folge von Tod und Verwundung in Deutschland zu gehen. Ich hoffe, dass die Invictus Games 2023 ihren Beitrag hierzu leisten werden.“

Brigadegeneral Michael Bartscher ist trotz seiner Fortschritte im Rahmen der medizinischen Rehabilitation dauerhaft nicht dienstfähig. Somit wird er nach über 45 Dienstjahren am 30. November 2021 die Bundeswehr vorzeitig verlassen. Den Invictus Games bleibt er treu: Als „Ehemaliger“ ist er Teil des Team Germany für die Spiele im niederländischen Den Haag vom 15. bis 22. April 2022.

Zur Person

Quelle: Privat 2015

Michael Bartscher, Jahrgang 1958, trat 1976 als Soldat auf Zeit in die Bundeswehr ein. 1980 erfolgte der Wechsel in die Offizierlaufbahn. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr in München folgten unterschiedliche Verwendungen als Versorgungsoffizier in der Luftwaffe. Nach dem Besuch des nationalen Generalstabsdienstlehrganges an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg war Bartscher in wechselnden Tätigkeiten innerhalb der Luftwaffe und des Bundesministeriums der Verteidigung tätig. Einer Dozententätigkeit an der Führungsakademie der Bundeswehr von 2002 bis 2004 schloss sich eine Verwendung als Adjutant des Stellvertreters Generalinspekteur der Bundeswehr und Inspekteur der Streitkräftebasis an.

In seiner ersten Verwendung als Oberst war er im Einsatzführungskommando der Bundeswehr als Abteilungsleiter für die logistische Unterstützung aller Auslandseinsätze verantwortlich. Nachfolgend wurde Bartscher Kommandeur es Logistikregimentes 46 und stellte mit seinen vier Bataillonen regelmäßig Kräfte für die Einsätze der Bundeswehr im Ausland, insbesondere das Logistische Unterstützungsbataillon in Mazar -I-Sharif/Afghanistan. Beide Verwendungen führten ihn mehrfach im Jahr nach Afghanistan.

Nach seiner Ernennung zum Brigadegeneral nahm Michael Bartscher am ISAF- und Resolute Support-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan teil, der die Grundlage für diesen Beitrag bildet.

Einsatzweiterverwendungsgesetz

Das Einsatzweiterverwendungsgesetz – beziehungsweise das „Gesetz zur Regelung der Weiterverwendung nach Einsatzunfällen – trat am 18. Dezember 2007 in Kraft. Es schloss eine damals existierende Versorgungslücke für militärische und zivile Angehörige des Bundes und stellt eine notwendige Ergänzung des Einsatzversorgungsgesetzes dar.
Eindeutiges Ziel des Gesetzes ist die Wiederherstellung der Dienst- bzw. Arbeitsfähigkeit von Einsatzgeschädigten. Dazu wird eine sogenannte Schutzzeit gewährt. Während dieser Zeit erhalten einsatzgeschädigte Soldatinnen und Soldaten umfassende medizinische Leistungen zur Behandlung der einsatzbedingten gesundheitlichen Schädigung und – falls notwendig – auch Leistungen zur beruflichen Qualifizierung.
Beides dient dazu, die Aufnahme der bisherigen Tätigkeit, eine dauerhafte Weiterbeschäftigung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung oder eine sonstige Eingliederung in das Arbeitsleben zu erreichen.
Für ehemalige Soldatinnen und Soldaten, die unter einer Einsatzschädigung leiden, bietet das Gesetz die Möglichkeit der Wiedereinstellung bei der Bundeswehr in ein Wehrdienstverhältnis besonderer Art. So besteht für diesen Personenkreis ebenfalls die Möglichkeit der medizinischen Rehabilitation und ggf. der beruflichen Qualifikation.

  • Quelle: Dondorf/Bundeswehr 2018
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 01
  • Quelle: Dondorf/Bundeswehr 2018
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 02
  • Quelle: Privat 2018
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 03
  • Quelle: Privat 2018
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 04
  • Quelle: Privat 2018
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 05
  • Quelle: Wilke/Bundeswehr 2019
    „Thank you for your service“ – Eine persönliche INVICTUS-Story 06

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